Ausgewählte Blindtexte Schnipsel, Stammtischparolen, Zettel u.a. –



24.01.17

LAGERBERICHT »Deutsche Einheit« (Nachtrag)

Damals, im Atelier, in der Kunsthochschule (von unserem Prof zärtlich »Lager« genannt (das Atelier, nicht die Khs)), Mitte/Ende der Neunziger.

Wir waren ein eher verschwiegener Haufen was Kunst anging, allenfalls sprachen wir in gebotener Kürze über Handwerklich-Technisches/Malerisches: »Das is nich schlecht gemalt.«, »Das Grün da ist ganz ok.«, »Das Lila istn bißchen krank.«, »Ich würd das zustreichen.« (in unrettbaren Fällen auch »eintreten«) usw usf, denn worüber man nicht reden kann, darüber soll man. Und wenn ein Maler/Künstler das entsprechende Loch im Kopf auftut, um darüber zu referieren, was er sich denn da dachte und was und warum er dies denn wollte und jenes fühle und woher seine Einflüsse und wodurch seine Vorbilder und da in Berlinkölndüsseldorfmünchenleipzig hat er den getroffen und den und die und das und die Omma hat auch immer gesagt und, hält man sich am besten die Ohren zu und geht mal gucken, wo das Buffet aufgebaut ist und wie man ungesehen den Weinkeller plündern kann. (Mittlerweile ist das Geseiere unabdingbar, das Werk nur noch Anlaß, die Buffets fehlen oder sind bewacht und die Keller abgeschlossen. Schlechte Zeiten für die Kunst also.)

Unser Prof stand uns um nichts nach. Und ja, eigentlich hat er uns das gelehrt und genau deswegen waren wir auch bei ihm: es ging um die Malerei und nicht ums Geschwätz, von dem es zu der Zeit schon grad genug gab (und es sollte ja in den Jahren drauf noch mehr werden. Beklagt seis.).
So war es auch nicht selten, daß man beim wöchentlichen Treffen (»Lagerkorrektur«) stolzgeschwollen vor der Wand mit den spektakulären neuen Bildern der vergangenen Woche stand und er die gottgleiche Produktion mit einem »Der Lappen da is nich schlecht.« oder »Schöne Palette.« reflektierte (was man evtl auch kapiert hat, nachdem Ego und Eitelkeit mit Brüllen und Wehklagen aufgehört hatten).

Wenn man dann, hartnäckig und ausdauernd, diese Hürden genommen hatte (wir verzeichneten in guten Jahren zwischen 50 bis 70% Lagerschwund, in schlechten nur 30 bis 40 (jährliche Neuzugänge freilich auch)), konnte man etwa ab dem 6. Semster hoffen, durch ein »Du bist ja n ziemlich guter Maler.« oder – die Krönung – mit einem »Du bistn Malschwein.« geadelt zu werden (eine Ehre, die mir, wie ich in aller Bescheidenheit erwähnen darf, mehrmals zuteil wurde).

Vor diesen Hintergründen wird sich also niemand über die Irritation wundern, als uns der Lagerleiter eines unseligen Tages einen kleinen, dürren Ex-DDRler mit großem Kopf und Segelohren (alle drei wie je eine Drohung) mit den Worten »Ich hab hier nen neuen Lagerinsassen.« präsentierte, denn neue Insassen mußten, so forderten es die Statuten, nach persönlicher Vorstellung des Aspiranten mit Bilderschau und anschließendem Plenum der Altinsassen (unter Ausschluß des Bewerbers und des Lagerleiters) bestätigt werden (»Und?« – »Ok.«, »Jo.«, »Von mir aus.«, »Hm.«, »Nee.«). Wir vertrauten aber  – wie immer – der Entscheidung der Lagerleitung und räumten eine Ecke frei, die der Kopf mit den Ohren in der folgenden Nacht bezog.

Nächster Tag: Lagerkorrektur: der Neue zeigte ein paar lieblose und auch sonst wenig gute Bilder und machte die o.g. Drohung wahr: klugschiß ohne Punkt und Komma und hier Adorno da Baudrillard zitierte auch Bazon Brock noch herbei orgelte sich spitznasig durch den merve-Katalog und das Vorlesungsverzeichnis der Kunsttheoretiker der Kopf leuchtete die Ohren wehten selbstreferentiell im heißen Wind. Wir waren fassungslos.

Bereits eine Woche später kopierte er dann die Frisur (l = 1mm) des damaligen Lageroberpavians A. (wobei aber nicht klar wurde, ob es Anbiederung oder Herausforderung sein sollte). Seine Bilder wurden im Lauf der nächsten Monate etwas besser, seine Geschwafelgarnitur richtete sie aber wieder zugrunde. Da wir ihm für seine Ausführungen scheints nicht den erwarteten Applaus spendeten, zog er es nach&nach vor, den Lagerkorrekturen fern zu bleiben und unseren Prof teilweise mit mehreren Einzelaudienzen pro Woche zu traktieren.

Nach ca eineinhalb Jahren wechselte er dann in eine Klasse, die größere Karrieremöglichkeiten versprach (ich hatte mal vorgeschlagen, denen in der Nacht vor dem jährlichen Khs-Rundgang die Atelierfenster schwarz zuzustreichen (was aber abschlägig beschieden wurde, da wir zu der Zeit zu viele Kunsterzieher als Lagermitinsassen hatten)) (der Prof da übrigens der Nachfolger von Harry Kramer, der mal auf die Frage, warum er denn Bildhauer geworden sei, geantwortet hatte »Weil man da mitm Porsche ins Atelier reinfahren kann.« (das waren noch Zeiten)).

Wieder ca eineinhalb Jahre später hatte er sich dann (weil er erfolgreich an dessen Lieblingsstudentin hingebohrt hatte) in die Klasse des Konzeptobergurus geföhnt (die mit den Versace-Geldbeuteln, bei denen es Schampus und Austern zur Rundgangseröffnung gab (statt (wie im Lager) Bier und Bratwurscht) und bei denen es nur noch um Oberfläche und Präsentation ging).

Gottlob hab ich ihn danach aus den Augen verloren.

Soviel zur deutschen Einheit.

9. Oktober 2016 04:37

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