Ausgewählte Blindtexte Schnipsel, Stammtischparolen, Zettel u.a. –



18.04.09

Freie Überwachung

Beim G20 wird Einer (vielleicht) von Polizisten tot gehauen, sie sagen „Wir warens nicht!“, ok. „Dann wurden im Internet Videoaufnahmen eines Passanten verbreitet, auf denen zu sehen ist,“ (Berliner Morgenpost) daß eben doch die Polizisten dem Typen in den Arsch oder sonstwohin getreten haben.

Die Szene jubelt. Die „freie“/„alternative“ Presse, Autonome, Verschwörer und alle andern, die sich berufen fühlen, weil sie glauben, daß sie lesen und schreiben können, weil sie lesen und schreiben können (da muß man jetzt ein bissl nachdenken, gelle?), schreiben, bloggen, twittern und verschwören sich die Finger wund – wir hams doch gewußt!

Wir sind das Volk, jawoll, und wenn nicht JedeR von uns (mit „uns“ sind in dem Fall „wir da unten“ gemeint) ständig und alles per Handy, Videocamera und Digicam filmt und fotographiert (warum ist eigentlich Audio so außen vor?), kommt „die Wahrheit“ nie ans Licht.

Sehr schön.

Und jetzt Obacht: von den Gleichen hört man nämlich (eine Seite vorher) Protest gegen „staatliche Überwachung“ per Camera – zurecht! – weil man nicht auf Schritt und Tritt beobachtet und belauscht werden will und überhaupt.

Aber bitte, wo bleibt mein „Recht auf Privatsphäre“, wenn ich gewahr sein muß, daß ich von jedem Privat-Hanswurst gefilmt werden kann, wie mir am Imbißstand die Bullette übers Hemd kugelt? Der zeigt das Material dann auf Youtube, Facebook oder Flickr der staunenden Welt, schreibt meinen Namen dazu, setzt ein Wimpelchen auf Googlemaps und jede vollgefressene amerikanische Rotznase, die glaubt, Europa sei ein Stadtteil von Baton Rouge, kann mein Mißgeschick mit „lol“, „rofl“, „dumbass“ oder „get a life dude“ kommentieren (und das sind noch die Netteren). Sollte mir gleichzeitig noch ein Hund ans Bein pissen und ein Vogel auf den Kopf scheissen, ist mein Ruhm nicht mehr aufzuhalten – „Video des Monats“, „MUST SEE!: greatest dumbass smears himself and gets pissed and shitted on – SUBSCRIBE!“, jaja ... sollte es dumm laufen, werde ich von einem findigen Fahnder mit der nebenan ausgeraubten Oma in Verbindung gebracht – go and get a life ...

Mir ist ein Rätsel, warum man überhaupt noch Überwachungscameras an öffentlichen Orten installieren will. Wenn was passiert, gibts das eh unmittelbar danach auf Youtube. Die Täter filmen sich selber unter Nennung ihrer vollen Namen damit auch ja JedeR weiß, was für coole Säue sie sind. Das gesparte Geld kann man investieren, um noch den den Rest der Bevölkerung mit Cameras auszurüsten, bei denen der Youtube-Account gleich eingebaut ist (was die Zuordnung des Materials in Zweifelsfällen vereinfachen würde).

Und jetzt nochmal ganz im Ernst: daß es in Fällen wie bei polizeilichen Totschlägern Beweismaterial gibt um die Betreffenden doch noch vor den Kadi zu ziehen, ist ja eine gute Sache. Ebenso daß sich Lynndie England von der siegreichen Armee beim Gassigehen mit einem Gefangenen ablichten läßt und dergleichen mehr.

Aber mal angenommen, ich müßte aus dem 30. Stock eines brennenden Hochhauses springen, möchte ich dann wirklich als „falling man“ die letzte mediale Ölung und Berühmtheit erlangen? Ist es ein wesensmäßiger Unterschied, von wem der Filmer sein Gehalt bekommt, BND, CIA, Lidl, Schlecker oder taz (vielleicht macht ers ja auch ehrenamtlich)? Will ich bei Youtube ein Video von mir finden, von dem ich nichts wußte (auch wenn ich mich darin nicht bekleckere)? Kurz: will ich, daß der Blick des Anderen festgehalten wird, auch wenn er ihn nicht veröffentlicht?

Nee, laß ma stecken, Alda ...
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